Fragen, keine Antworten, aber Verwirrung: Der Fall Breivik

Eigentlich weiß ich gar nicht, wie man einen Artikel über Anders Behring Breivik sinnvoll einleiten kann… Aber ein paar Gedanken möchte ich hier loswerden.

Gestern begann er nämlich, der Prozess gegen den Mann, der im letzten Jahr 77 Menschen tötete und unzählige weitere verletzte. Und die Welt war dank (?) fleißiger Medienberichterstattung zumindest gestern live dabei. Sein martialischer, rechts angehauchter Gruß, seine Aussage, er erkenne das Gericht nicht – alles drang ungefiltert durch bis in unser Wohnzimmer. Schwer erträglich ist das feiste Grinsen dieses Massenmörders, der zwar noch nicht rechtsgültig verurteilt ist, aber seine Taten unumwunden zugibt. Wenn auch mit dem Nachsatz versehen, dass er bedauere, nicht noch mehr Menschen getötet zu haben… Unerträglich auch, dass er kaum eine Miene verzieht – nur in dem Moment, in dem sein Propagandavideo vorgeführt wird, bricht er in Tränen aus. Vor Rührung über sein eigenes Machwerk?
Sollte man ihm überhaupt eine noch größere Plattform bieten als ohnehin schon? Sollte man den Prozess nicht stattfinden lassen, ohne dass nur ein Wort über Breivik geschrieben wird? Sollte man? Oder ist das nur eine schöne Wunschvorstellung, da so eine Art der Handhabung eines Prozesses um einen Massenmörder leider nicht umsetzbar ist?

Ich weiß nicht, was ich denken soll: Ist er psychisch krank, lebt in seiner eigenen Welt und ist somit unzurechnungsfähig? Oder ist er ein eiskalter Mörder, der ganz genau weiß, was er da tat? Die akribische Planung und die Verfassung seines Manifests machen die erste Möglichkeit zumindest in den Augen von uns psychologischen Laien unwahrscheinlich.

In welchem der beiden Fälle wäre die Sicherheit der Öffentlichkeit durch die entsprechende Strafe eher gewährleistet? Und (last but not least): Was wäre für den norwegischen Staat kostenoptimal?

Was macht einen Menschen zu einem Mörder? Ist es tatsächlich die schwere Kindheit? Hat man es nicht – ungeachtet schlimmer Erfahrungen, die jeder von uns im Laufe seines Lebens sammelt – immer noch selbst in der Hand, wie man handelt? Oder gehört eine gewisse erbliche Prädisposition dazu?
Es ist die alte Debatte: Anlage oder Umwelt? Oder doch die freie Entscheidung?

Über die Höhe der Strafe scheiden sich die Geister. Einer der Laienrichter wurde heute wegen Befangenheit aus dem Prozess ausgeschlossen, da er sich im Internet für die Todesstrafe im Falle Breivik ausgesprochen hat. Ungeachtet des Faktes, dass Norwegen die Todesstrafe bereits 1902 abgeschafft hat, ist es meiner Meinung nach indiskutabel, eine solche Strafe überhaupt als Möglichkeit heranzuziehen. Damit würde man sich nur auf das Niveau begeben, auf dem der Täter gehandelt hat – und das kann und darf in einem Rechtsstaat einfach nicht der Fall sein. Auch wenn die Volksseele kocht und sich insgeheim sicherlich die meisten eine Art Hinrichtung wünschen würden, vor allem diejenigen, die Freunde oder Angehörige durch die Massaker verloren.

Nach einer solchen Tat fällt eine rein rationale Analyse schwer – zu unerklärlich sind die Gedanken, die einen Massenmörder antreiben.

Fragen über Fragen, auf die Antworten fehlen. Was bleibt, ist Verwirrung.

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