Gedanken zu Norwegen, der Tat und der Rolle der neuen Medien

Vor wenigen Tagen erst ist es passiert (und ich meine nicht den Tod der Amy W., auch wenn ich mich der durchaus auch mitgenommen hat). Obwohl der Begriff „passieren“ den wahren Inhalt dessen, was Norwegen und Europa erschütterte, nicht so ganz trifft. „Passieren“ impliziert eine gewissen Passivität, lässt einen an ein Vorkommnis denken, das völlig ohne Zutun einer Person, ohne eine wirkliche Aktivität zustande kam. Das jedoch trifft auf den Vorfall in Norwegen nicht zu. Es war mehr als aktives Handeln, die Tat eines Wahnsinnigen, eines Rechtsradikalen, der sich selbst als Retter sieht, als einer der wenigen, die seiner Meinung nach erkennen, dass die Gesellschaft aus dem Ruder läuft. Pure Berechnung, blankes Kalkül. Ein Leben für eben diese Tat, die Norwegen in eine Schockstarre beförderte. Eine Tat, die mit einer 1500 Seiten starken „Bibel“ auch noch theoretisch untermauert wird. Ein Massenmörder, der sehr genau wußte, was er tat, der alles im Detail plante und keinerlei Skrupel zeigt. Und der sich noch nicht einmal selbst richtet – wohl ein Novum in der Geschichte der Massenmorde und Amokläufe.

Auch mich hat diese Tat des Herrn Anders Behring Breivik verunsichert. Ich lebe in Berlin, einer Stadt, die abgesehen von regelmäßigen „Anschlägen“ auf Autos und Kinderwägen von wirklichem Terror bislang Gott sei Dank verschont wurde. Bleibt dies so? Ich denke immer nur an volle U- und S-Bahnen abends oder morgens im Berufsverkehr… Was wäre, wenn… Solche Fragen darf man sich nicht stellen. Wahrscheinlich befinden sich jeden Tag in der U-Bahn verrückte Leute, gerade hier in Berlin, die mehr oder weniger tickende Zeitbomben sind, die sich aber – wenn überhaupt- in verbalen Pöbeleien oder in Messerattacken entladen.
Aber ein Amoklauf in Berlin wäre der absolute Horror. Weg mit diesen Gedanken und darauf vertrauen, dass es nicht passieren wird.

Ein anderer Aspekt, den ich im Zusammenhang mit Norwegen erwähnenswert finde: Die Rolle des Internets… Sei es nun Twitter, Facebook oder Wikipedia – innerhalb weniger Minuten nach der Tat war der Täter weltbekannt, durch das Twittern der Jugendlichen in dem norwegischen Sommercamp war die Welt im Grunde live dabei. Im Gebüsch verschanzt das Smartphone gezückt und – zack – getwittert, dass man gerade beschossen wird…
Der 11. September 2001 war schon ein Wendepunkt in der Berichterstattung: Damals war die Welt live dabei, als das World Trade Center attackiert wurde und schließlich vor den Augen aller zusammenbrachen. Die Welt sah zu, wie Menschen voller Verzweiflung aus den obersten Stockwerken sprangen.
Aber inzwischen geht die Berichterstattung nicht mehr nur von den offiziellen Medien aus, sondern von den Betroffenen selbst. Vielleicht würde man heute eventuell noch im Moment des Sprungs selbst einen Tweet absenden mit dem Wortlaut: „Feuer hinter mir, ich springe jetzt! #wtc“
Verrückt.

Und darüber, dass ein Massenmörder bereits kurz nach der Tat einen Wikipedia-Eintrag hat, darüber komme ich ehrlich gesagt nicht ganz hinweg. Ein Täter, der die erste Anhörung nach der Tat am liebsten zur Propaganda für die von ihm vertretene Ideologie nutzen will (und das vorher bereits so schriftlich festgehalten hat). Scary…

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Eine Antwort zu Gedanken zu Norwegen, der Tat und der Rolle der neuen Medien

  1. Petra schreibt:

    Liebe Anita und das Schlimme ist, dass aller Live Berichterstattung zum Trotz und alles unmittelbar Dabei Sein Könnens gar nichts nützt, du kannst nur zugucken, danke für deinen Blog. Du kannst das wirklich Böse einfach nicht verhindern, wenn es unbedingt agieren möchte. LG Petra

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